Süddeutsche Zeitung / Dachauer SZ
Nr. 82 vom 8.4.2003
"Nach 20 Jahren noch immer was Besonderes -
Volksmusikanten bringen Publikum im voll besetzten Bürgerhaus in
Stimmung - ganz ohne Tümelei
Organisatorin Elfriede Roth hat das Geschehen im Bürgerhaus Karlsfeld
fest im Griff. Hier könnte noch ein Tisch hinpassen, da noch ein Stuhl
dazu gestellt werden. Souverän dirigiert sie ihre Saalhelfer kurz vor
Beginn des Jubiläums-Abends der Singgemeinschaft Karlsfeld.
Schließlich haben die mehr als 80 Prozent Stammgäste längst ihren
Platz eingenommen, der im Laufe der Jahre auch ihr Stammplatz geworden
ist - und den gibt man nicht freiwillig her. Aus Erfahrung weiß man
schließlich, wo man den besten Blick auf das Geschehen auf und vor der
Bühne und den zwei Podien im Saal hat. Und wer am Samstagabend erst
kurz vor 20 Uhr ins Bürgerhaus kommt, dem nutzen weder Trachtengwand
noch Lederhosen. Mehr als ein Platz am "Katzentisch" ist nicht mehr zu
ergattern. Doch das tut der Vorfreude auf Zu guter Stund a Liadl,
so das Auftaktlied der Singgemeinschaft, keinen Abbruch.
Stilgerecht gekleidet (...) und gestärkt (...) werden die Stühle in
optimale Seh- und Hörposition gebracht. Schließlich singen die
Feldmochinger Sängerinnen in ihrer erneuerten Dachauer Tracht nicht
nur ein Loblied auf die Motoren der Traditionsveranstaltung, Elfriede
Roth und Roland Funk (Elfriede und Roland san guat beieinand, sie
san bekannt im ganzen Land), sie bieten mit den im Halbrund
zunächst noch ganz gemessen und ernst auf der Bühne sitzenden
Singgemeinschaft-Mitgliedern auch ein ansehnliches Bild. Die fast
würdevolle Zurückhaltung der Singgemeinschaft geht aber schon bei den
ersten Tönen der "Schreinergeiger" in rhythmisches Taktklopfen über.
Auch im Saal fahren die vorwiegend aus Österreich stammenden
Volksfest- und Hochzeitsweisen so manchem in die Beine.
"Spurwexl" sorgen mit ihrer Musik aus "Westerholzhausen und dem Rest
der Welt" für begleitendes Bassgebrumme an den Tischen, so auch bei
der sehr baierischen Adaption von Verdis "Gefangenenchor".
Wolfgang Schneider hat leichte verbale Kost unter anderem von Josef
Fenl und Alfons Schweiggert ausgewählt. Das Publikum genießt die
Anekdötchen und Histörchen über Bauernschläue und Rentnerstress,
ebenso wie die Lieder von Liebesfreud` und Liebesleid, die gespickt
sind mit praktischen Ratschlägen wie "Deandl sei gscheit, nimm an Buam
der di gfrei" - nämlich einen mit Geld.
Und während Chorleiter Volker Hiemeyer seine Madl und Buam mit vollem
Körpereinsatz durch die Gefilde tradierten Liedguts führt, steigt die
Stimmung im Saal zusehends.
Dazu trägt nicht unwesentlich das "Steirer Duo" bei, das sein Publikum
zum Mitklatschen animiert. Außerdem ist da noch die Sing- und
Spielfreude aller Musikanten und Sänger. Hat doch jeder von ihnen
einen zusätzlichen Part übernommen, weil der "Oberwöhrer Zwoagsang"
wegen Erkrankung kurzfristig absagen musste.
"Es war wunderbar", sagt eine ältere Dame zu ihrer Nachbarin am Ende
der Veranstaltung: "Ich komme seit 20 Jahren hierher". Erwidert die
Nachbarin: "Ich auch, aber heuer war es etwas ganz Besonderes."
"
(Text: Dorothea Friedrich)
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